Die Bibel als Weltliteratur: Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“

Ein Bibel- und Menschheitsroman, ja, ein herausragendes Beispiel biblisch inspirierter moderner Mythopoesie, in dessen Zentrum der „Segen von oben und der unteren Tiefe“ steht: Thomas Manns Joseph-Roman ist bedeutende Weltliteratur und zeigt, wie Schriftsteller das „Buch der Bücher“ ins Heute fort- und weiterschreiben. Christoph Gellner stellt ihn im Themenheft „Bibel und moderne Literatur“ des Hirschberg Magazins 2-2026 vor.

Thomas Manns (1875-1955) vierbändiger Menschheitsroman «Joseph und seine Brüder» zeigt aufschlussreich, wie Schriftsteller das «Buch der Bücher» fabulierfreudig ins jeweilige Heute fort- und weiterschreiben. Die 1926 bis 1943, ab 1933 im Exil in der Schweiz und ab 1938 in den USA geschriebene Neuerzählung des altbekannten Stoffs aus Genesis 37–50 ist ein herausragendes Beispiel biblisch inspirierter moderner Mythopoesie.

Bei der Laufbahn des Helden geht es um tiefe Vergangenheit und um hochaktuelle Bedeutung für die Gegenwart. Führt doch der Weg Josephs vom angeberisch-verwöhnten Lieblingssohn und narzisstisch-hochmütigen Träumer, den seine Brüder in die Sklaverei verkaufen, zum Ichfreien Traumdeuter und planenden Volkswirt, der als Großwesir des Pharaos und «Ernährer» Ägyptens (Vorbild ist Roosevelts «New Deal») zu praktisch-ethischer Weltbürgerlichkeit findet, womit er auch seine gefährdete Familie retten kann.

«Religion ist Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor dem Geheimnis, das der Mensch ist», betont der Lübecker Protestant, der in Los Angeles der Unitarian Church beitrat, 1945 im Tagebuch die Notwendigkeit eines neuen Humanismus: «nicht die dünn-rationale und optimistische allgemeine Menschenliebe des 18. Jahrhunderts», nötig sei «ein religiös fundierter und gestimmter Humanismus, der durch vieles hindurchgegangen ist und alles Wissen ums Untere und Dämonische hineinnimmt in seine Ehrung des menschlichen Geheimnisses».

Dass Thomas Mann von den israelitischen Urvätern, jüdischer Geschichte und Überlieferung erzählte, war angesichts des Antisemitismus der Nazis ein Politikum. In Psychologie und Ironie sah er probate Mittel, «den Mythos den faschistischen Dunkelmännern aus den Händen zu nehmen», ja, ihren völkisch-rassistischen «Pöbelmythos» «ins Humane umzufunktionieren».

Ein Menschentum mit Segen von oben und unten

An seinem Joseph wollte er «ein Menschentum» zeigen, das gesegnet ist «mit Segen oben vom Himmel herab und mit Segen von der Tiefe, die unten liegt», wie es am Ende des «Vorspiels: Höllenfahrt» zum ersten Band «Die Geschichten Jaakobs» heißt. ‘Oben’ heißt Geist, Klugheit und Nüchternheit, ‘unten’ Trieb, Leidenschaft und Fruchtbarkeit. Gerade so verkörpert Joseph den Ausgleich von Natur und Geist, Trieb und Moral, Sinnlichkeit und Intellektualität; als Einziger der Brüder wird er von seinem Vater am Schluss der 1324 Seiten umfassenden Roman-Tetralogie mit dem Doppelsegen ausgezeichnet: «Mein eigentlicher und geheimer Text steht in der Bibel, in der Geschichte zuletzt», erläutert Thomas Mann Gen 49,25 in einem Brief vom 28. Dezember 1926. «Es ist der Segen des sterbenden Jakob über Joseph: ‘Von dem Allmächtigen bist du gesegnet mit Segen oben vom Himmel herab, mit Segen von der Tiefe, die unten liegt.’ Damit man sich zu einem Werke entschließe, muß es, als Stoff, irgendwo einen Punkt haben, bei dessen Berührung einem regelmäßig das Herz aufgeht. Dies ist dieser produktive Punkt.»

In frühintellektueller Übergeschnapptheit wird schon im ersten Kapitel des ersten Bandes «Am Brunnen» – in den Joseph in Bd. 2 «Der junge Joseph» von seinen Brüdern gestürzt werden wird – dem Helden die Prophezeiung dieses Doppelsegens in den Mund gelegt. Wie die Folgebände «Joseph in Ägypten» und «Joseph, der Ernährer» enthält das erzählerische Riesen-Werk alles, was in Familien- und Geschwisterbeziehungen möglich ist: Hass und Betrug, Bevorzugung, Neid und Rache, Treuebruch, Raub und Gewalt, Trauer und Verzweiflung – transkulturell wirksame Muster, die als Synthese babylonisch-kanaanitischer, ägyptischer, hellenistischer und christlicher Mythenkreise erscheinen. Dabei wird Joseph nicht bloß als Einzelfigur, sondern immer auch als Spurengänger geschildert, Thomas Mann spricht vom «nach hinten offenen Ich», das vom Gewesenen vieles mit aufnimmt und es gegenwärtig wiederholt. Das Mythische versteht der Romancier als das sich musterhaft-wiederholende anthropologisch Typische. So gewinnt die Abraham–Jaakob–Joseph–Linie (Gen 12–50) über Bezüge zu Tammuz, Osiris, Thot, Hermes und Christus menschheitsgeschichtliche Raumes- und Zeitentiefe.

Lebensfreundlichkeit

«Rahel», das 7. Hauptstück der «Geschichten Jaakobs», betont, es sei «dünner Aberglaube, zu meinen, das Leben von Segensleuten sei eitel Glück und schale Wohlfahrt. Bildet der Segen doch eigentlich nur den Grund ihres Wesens, welcher durch reichliche Qual und Heimsuchung zwischenein gleichsam golden hindurchschimmert.» Prominentes Exempel ist die Geschichte von der (Glaubens-) «Prüfung» Abrahams(Gen 22) – Thomas Mann schreibt sie um, ein Musterbeispiel seiner Arbeit am Mythos: Jaakob identifiziert sich in seiner Sorge um Joseph, den Rahel ihm schenkte, mit seinem Urvater Abraham – und versagt vor dem Herrn als er das Messer zückt, er fällt wie das Messer zu Boden und schreit: «Schlachte ihn Du, o Herr und Würger, er ist mein ein und alles, und ich bin nicht Abraham! […] mir hat die Seele versagt, denn meine Liebe war stärker als mein Glaube, und ich vermochte es nicht» Der erste Roman der Tetralogie endet mit der Geburt von Rahels zweitem Kind, sie wird ihr das Leben kosten, daher will Rahel ihm den Namen «Ben-Oni» geben, Sohn des Todes, Unglückssohn, Jaakob aber gibt ihm den Namen Ben-Jamin, Glückssohn.

Allein mit Gottes Unbegreiflichkeit, seinem Schweigen zurückbleibend ringt sich Jaakob in seinem Leiden zu einem Amen der Ergebenheit durch: «‘Benjamin, Benjamin’, sagte er weinend. ‘Mitnichten Benoni!’ Und hier war es, wo er zum erstenmal über [die tote Rahel] hin und hinauf in die silbrige Weltennacht […] die Frage richtete: ‘Herr, was tust du?’ In solchen Fällen erfolgt keine Antwort. Aber der Ruhm der Menschenseele ist es, daß sie durch dieses Schweigen nicht an Gott irre wird, sondern die Majestät des Unbegreiflichen zu erfassen und daran zu wachsen vermag […] seine Arbeit am Göttlichen» – von Abraham bis hin zum Gespräch Josephs mit Echnaton im 4. Band ein Schlüsselthema des Romans – «erfuhr in dieser furchtbaren Nacht eine Förderung, die eine gewisse Verwandtschaft mit Rahels Qualen hatte. Auch war es ganz nach dem Sinn ihrer Liebe, daß Jaakob, ihr Mann, doch geistlichen Vorteil hatte von ihrem Sterben.»

Was Hans Castorp am Ende des «Zauberberg»-Romans nur träumt – «daß der Mensch um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen solle über seine Gedanken» –, das wird von Joseph realisiert. Thomas Mann spricht von Sympathie, bei der die Ausrichtung auf Leben und Tod sich die Waage halten: «Sinn für den Tod allein schafft Starre und Düsternis; Sinn für das Leben allein schafft platte Gewöhnlichkeit, die auch keinen Witz hat. Witz eben und Sympathie entstehen nur da, wo Frömmigkeit zum Tode getönt und durchwärmt ist von Freundlichkeit zum Leben, diese aber vertieft und aufgewertet von jener. So war Josephs Fall; so waren sein Witz und seine Freundlichkeit. Der doppelte Segen, mit dem er gesegnet war, von oben herab und von der Tiefe, die unten liegt […], – dies war er.»

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