Die Welt in all ihrer Vielfalt und ihren Widersprüchen darzustellen, gilt als Maxime von William Skakespeare als Dramatiker und Theatermann. Seine 154 Sonette, mit denen er die Gattung von den stereotypen Motiven der höfisch-ritterlichen Minne-Tradition des Mittelalters befreite, werden als ein Höhepunkt der Dichtkunst angesehen. Eine Neuedition von Shakespeares Sonettsammlung in freier Übertragung von Ulrich Erckenbrecht zeigt eindrücklich: Es kann gar nicht genug Übersetzungen geben, soll das Original wirklich begriffen werden.
Die Sonette sind eines der meistdiskutierten Werke Shakespeares (1564-1616), ja, neben den biblischen Psalmen sind sie die meistübersetzten Gedichte der Weltliteratur, gerade auch im Deutschen. Die erste vollständige Übertragung dieses poetischen Großzyklus im deutschsprachigen Raum stammt von Dorothea Tieck1, die auch an der klassisch gewordenen Übersetzung von Shakespeares Dramen August Wilhelm Schlegels und Ludwig Tiecks, ihres Vaters, maßgeblich beteiligt war. Seither sind mehr als 70 deutschsprachige Gesamt- und über 100 Teilübertragungen veröffentlicht worden. Allein von Sonett Nr. 18, dem „bekanntesten von allen“2, gibt es über 150 Versionen, nicht nur auf Hochdeutsch, sondern auch in verschiedenen Dialekten und sogar in „Kanak-Sprak“.
Melancholie, Scharf- und Tiefsinn
Mit über 130 Variationen des berühmten, hochpolitischen „Hamlet-Sonetts“, der Nr. 66, machte der Schriftsteller, Philosoph, Übersetzer und Privatgelehrte Ulrich Erckenbrecht (*1947) die Idee einer demokratisch-multipersonellen Übersetzungsanthologie stark (unter Vogelnamen wie Fritz Drossel streute er mehrere übersetzerische Eigengewächse ein). Denn keine Einzelübersetzung könne „die vielen ‘Nebenideen’ [Lichtenberg] der Shakespearschen Metaphorik vollzählig wiedergeben“, ja, „kein Shakespearesonettübersetzer kann alle Elemente der Vorlage wiedergeben“. Mehr noch: „eine Versübersetzung, die zugleich zuverlässig (im Sinne inhaltlicher Treue, Exaktheit und Vollständigkeit) und künstlerisch (im Sinne gelungener Rhythmen, Metaphern, Reime, Alliterationen und sonstiger Klangwirkungen) ist, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.“3
Höchst aufschlussreich für die übersetzerische Aneignung und Anverwandlung in sich ständig verändernde Gegenwarten hinein sind die Nachdichtungen und Vertonungen des 66. Sonetts durch Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler, Boris Pasternak, Dmitri Schostakowitsch bis hin zu Stephan Hermlin, Volker Braun Rainer Kirsch und Wolf Biermann – seine gefühlsgeladen-pessimistische Klage über „die ewige Wiederkehr des gleichen Schlechten“ wurde zum Evergreen, ja, „zur ‘Lili Marleen’ der Intellektuellen“4. In ihrer erstmals 1994 im Stralsunder Manuskripte Verlag erschienenen, preisgekrönten Gesamtübersetzung spiegelt sich Christa Schuenkes Leben in der DDR im ersten Vers des dritten Quartetts von Sonett 66 „Und Kunst das Maul gestopft vom Apparat“, der folgende Vers „Und Dummheit im Talar Erfahrung checkt“ assoziiert ihre Berührung mit den 68ern sowie die Erfahrung, am Checkpoint Charlie oder Bahnhof Friedrichstraße darauf warten zu müssen, ob ihre Freunde aus dem Westen einreisen durften oder nicht5.
„Über Shakespeares Sonette ist kaum weniger Mumpitz zusammengeschrieben worden als über die Frage der Verfasserschaft“, stellte der unakademische Shakespearekenner Erckenbrecht pointiert heraus, „und wie bei der Verfasserschaftsdiskussion verschiebt sich das Interesse häufig auf periphere und abwegige Aspekte.“6 Das am sizilianisch-staufischen Kaiserhof Friedrichs II. erfundene Sonett etablierten Francesco Petrarcas Canzoniere (1343-74) zur maßstabsetzenden Gedichtform, die im Europa des 16. Jahrhundert groß in Mode kam. Shakespeare übernahm die im elisabethanischen England weiterentwickelte Sonett-Gestalt: 14 Zeilen à je 10 Silben mit 5-hebigen Jamben. Ausgehend von der kryptisch-geheimnisvollen Widmung in der Erstausgabe von 1609 und dem merkwürdig gedoppelten Schlusssonettpaar wurde „viel Gelehrtenschweiß und -tinte vergossen, die biografischen Rätsel zu lösen, die die Sonette neben dem Hamlet als die zweite Mona Lisa im Shakespearschen Gesamtwerk erscheinen ließen“7.
Dass ein Großteil mangels Personal- und Possessivpronomina oder anderer eindeutiger Indikatoren geschlechtlich nicht zweifelsfrei zugewiesen werden kann, führte zu den „unappetitlichsten Peripherdiskussionen um Shakespeares Sonette“8, die aus ihnen homoerotische bzw. -sexuelle oder gar pädophile Neigungen ihres Autors herausdeuteten – genau besehen rühren sie von anachronistischen Projektionen romantischer Auffassungen von Erlebnislyrik auf Renaissance-Dichtung bzw. viktorianischer Moralvorstellungen auf die viel weniger rigide Geschlechterordnung der Frühen Neuzeit her. Trotz zahlreicher Bezüge auf die Bibel und christliche Glaubensvorstellungen erscheinen Shakespeares Sonette – nicht zuletzt bedingt durch die den Alltag im Königreich bestimmenden mörderischen Konfessionskonflikte – „weitgehend areligiös“ und ganz im Sinne der Renaissance und ihrer Faszination für das Heidentum der Antike „überwiegend laizistisch“.
Weder allzu wörtliche Wörtlichkeit noch allzu freie Freiheit
Nun kommt Ulrich Erckenbrechts 2000 erstmals im Selbstverlag erschienene „schwung- und lustvolle Übersetzung“9 sämtlicher Shakespearesonette im Radius Verlag in einer Neuedition heraus, die nicht nur Shakespeare-Aficionados Genuss und Freude bereiten kann. Neben den wortgewitzten Translationen von Gottlob Regis, Paul Celan, Michael Mertes, Christa Schuenke, Frank Günther und Markus Marti habe Erckenbrechts „Arbeit und Kompetenz zu wenig Beachtung gefunden“, betont der literaturaffine frühere Zürcher Fraumünsterpfarrer Niklaus Peter in seinem Geleitwort. Seiner „hinreißend guten, flüssig zu lesenden, an entscheidenden Stellen metaphorisch präzisen und doch verständlichen freien Übertragung“ ist bewusst eine modernisierte englische Fassung der Sonette vorangestellt. Was wahre Kunst auszeichne, sage Shakespeare in Sonett Nr. 76 selbst: „… all my best is dressing old words new“/„Mein Bestes ist: Ich kleide Altes neu“10.
Während in der vielgelobten Übersetzung von Frank Günther die erste Zeile von Sonett 18 mit einer Sinnverschiebung von „vergleichen“ zu „gleichen“ holprig wirkt (die originelle juristisch-ökonomische Metaphorik der Pacht von „summer’s lease“ geht bei ihm erfreulicherweise jedoch nicht verloren)
Sollt ich, daß du dem Sommertag gleichst, dichten?
Wo du doch maßvoller bist, sanfter, sacht …
Sein Junisturm wird Maiens Flor zernichten
Und allzu kurz währt Sommers Lebenspacht11
ist bei Erckenbrecht alles einfacher, direkter, verständlicher (den Mai der 3. Zeile verdeutscht er nach einer alten Schäferregel aus dem Breitengradraum, in dem auch Shakespeares Stratford liegt: „Die Eisheiligen kommen im Mai, wenn der Weißdorn blüht“12):
Bist du vergleichbar einem Sommertag?
Du bist doch lieblicher und mild und lind!
Rau zerrt der Wind am zarten Weißdornhag,
und Sommers Lebenszeit vergeht geschwind.
Mal ist das Licht des Himmelsaugs zu heiß,
oft ist sein gold’ner Schein zu trüb und kalt;
und alles Schöne wird im Zeitenkreis
durch Zufall oder Schicksal ungestalt.
Doch deines Sommers Glanz ist nicht verblasst,
und nie hat Todes Schatten dich erfasst –
im Lied wächst du zu Ruhm und Ewigkeit.
Solang’ es Menschen gibt mit Schönheitssinn,
solang lebt mein Vers und du darin.
Neben dem von erotischen Doppeldeutigkeiten erfüllten Liebeswerben um einen schönen Jüngling bzw. eine schwarzäugige bzw. -haarige Dame ist ein zentrales Thema die Vergänglichkeit – der Jugend, der Schönheit, des Ruhms wie der Liebe. Nur im Gedicht sind sie dem zerstörerischen Zugriff der (wie schon Ovid formulierte) „allesfresserischen Zeit“ entzogen – Dichtung verewigt Schönheit, mehr noch: „Im Vers zwingst du die Sterblichkeit“, wie Christa Schuenke diesen Gedanken von Sonett Nr. 18 zuspitzt, der auch in späteren Sonetten immer wieder vorkommt. Das so genannte Minutensonett mit der Nummer 60 spielt auf Hiob-Stellen aus dem Book of Common Prayer an13 – etwa Zeile 8 auf Hi 1,21: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen“, das dritte Quartett auf Hi 14,1-2: „Der Mensch, kurzlebig und voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und verwelkt, er flieht wie ein Schatten und hat keinen Bestand“ (Zürcher Bibel). Das 66. Sonett zeigt eindringlich, welche Eigenständigkeit sich Erckenbrecht für seine freie Übertragung herausnimmt, die „nicht einfach nur ‘Übersetzung’ bedeutet“14, bemühe sich doch jeder Translator und jede Translatorin, andere Bedeutungsnuancen und andere Formschönheiten hervorzuheben und zu gestalten:
So wie die Meeresbrandung rollt zum Strand,
rollt auch das Leben hastig an sein Ende,
und keine der Minuten hat Bestand –
sie streiten, wechseln, folgen sich behende.
Kaum ist der Neugebor’ne auf der Welt,
schon krabbelt, läuft und ringt und wächst der Knabe,
doch nach dem Reifepunkt der Glanz verfällt,
und Zeit, die Geberin, zerstört die Gabe.
Die Zeit zerpflückt der frischen Jugend Blüte,
zieht parallele Gräben im Gesicht,
schmarotzt an Lebenskraft von selt’ner Güte,
und ihre Sichel jedes Sein zerbricht.
Mein Vers jedoch hält allen Zeiten stand!
Dich lobend, trotzt er Todes roher Hand.
„Welch’ Seelenaufwand und welch’ Schamverlust“, preist in der abschließenden Dark Lady-Sequenz das berühmte Sonett 129 die Liebeslust in action: „so maßlos, wild, barbarisch, unverlässlich! / Und kaum genossen, wird sie schon verachtet […] erstrebte Wonne, später bloß ein Traum.“ Das Couplet mit seiner Reflexion verdichtet Ulrich Erckenbrecht lapidar: „Und niemand kann der Himmelsmacht entkommen, / die uns zu dieser Hölle führt benommen.“ Sonett 137 redet diese Passion ausdrücklich als „blinde Närrin Liebe“ an. Das zweite Schlusssonett Nr. 154 endet denn auch in Anspielung auf das biblische Hohelied (Hld 8,7): „Kein Wasser kühlt, solang’ die Liebe brennt.“
- Nach einem Teilabdruck 1826 in einem Essay ihres Vaters erfolgte die Gesamtveröffentlichung ihrer zwischen 1824 und 1825 entstandenen Pionierarbeit erstmals in der Edition: Shakespeares Sonette in der Übersetzung Dorothea Tiecks. Kritisch hg. v. Christa Jansohn, Tübingen 1992. ↩︎
- Jürgen Gutsch (Hg.): „… lesen, wie krass schön du bist konkret“. William Shakespeare, Sonett 18, vermittelt durch deutsche Übersetzer in 154 + 1 Versionen, Dozwil 2003, 16. Unter den zahlreichen Mundart-Adaptionen ragt heraus Markus Marti: William Shakespeare Sonnets – Sonette englisch, deutsch und wallissertisch, Dozwil 32014. ↩︎
- Ulrich Erckenbrecht: Shakespeare Sechsundsechzig. Variationen über ein Sonett, erweiterte Ausgabe Kassel 32009, 70. ↩︎
- Ebd., 216 u. 28. ↩︎
- William Shakespeare: Die Sonette. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Christa Schuenke, Zürich 2026, 324. ↩︎
- Erckenbrecht: Shakespeare Sechsundsechzig, 13. ↩︎
- Manfred Pfister in seinem Nachwort „Mein Lebenszins, er liegt in dieser Schrift“ zur Gesamtübertragung der Shakespearesonette von Christa Schuenke (Anm. 5), 339. ↩︎
- Erckenbrecht: Shakespeare Sechsundsechzig, 21, die beiden folgenden Zitate 209. ↩︎
- Wolfgang Müller: „Doch ein Gedanke hat mich umgebracht: Ich bin kein Geist und kann nicht zu dir hüpfen“. Shakespeares Sonette, in: taz vom 27.2.2001 ↩︎
- „Mein Bestes ist: Ich kleide Altes neu“. Shakespeares Sonette – englisch/deutsch – in freier Übertragung von Ulrich Erckenbrecht. Hg. u. mit einem Geleitwort von Niklaus Peter, Stuttgart 2026, 12f. ↩︎
- William Shakespeare: Die Sonette. Deutsch von Frank Günther u. Christa Schuenke, Cadolzburg 2021, 37. ↩︎
- Den kommentierenden Vergleich sowie Erckenbrechts Erläuterung seiner übersetzerischen Verbesserung für die Neuedition verdanke ich Niklaus Peter. ↩︎
- Du, meine Rose, bist das All für mich. Die Sonette von William Shakespeare in Deutsch übertragen und kommentiert von Michael Mertes, Bonn 2006, 198f. ↩︎
- Erckenbrecht: Shakespeare Sechsundsechzig, 109, dort auch die Übertragungsmaxime des letzten Zwischentitels. ↩︎